Titel

...:::: MEIN VATER UND SEIN TOD ::::...

Mein Vater Friedrich MAASS - links - in Mazedonien

Vater ist 63 Jahre alt, voller Kraft und Lebensfreude. Er ist Turner und hat einen athletischen Körper. Aber dieses Foto ist für mich mit dem Tod meines Vaters verbunden. Er hatte es auf Holz kaschiert und auf die Rückseite geschrieben: Rast in Mazedonien 1966. Verbrüderung mit einem Muselmann. Mein Vater tauscht mit dem alten Mann die Kopfbedeckung und lacht zusammen mit dem bärtigen Muslim über diesen Augenblick der barrierefreien Menschlichkeit, die ohne Sprache auskommt. Vater und Mutter fuhren damals mit ihrem kleinen Auto und einem kleinen Zelt kreuz und quer durch das ehemalige Jugoslawien.


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Der Straßenbahnfahrer, auf den alle warteten

Mein Vater stammte aus Bad Leonfelden im Mühlviertel, wo er 1903 geboren wurde. Er hatte 12 Geschwister. Er lernte Tischler und ging - wie damals alle Tischlergesellen - auf Wanderschaft. 1936 heiratete er meine Mutter. Nach Krieg und Gefangenschaft arbeitete er wieder als Tischler, bis die Tischlerei abbrannte. Dann begann er bei der Linzer Straßenbahn als Bus- und Straßenbahnwäscher, mit Nachtschicht natürlich, denn nur in der Nacht konnten die Fahrzeuge gewaschen werden. Seiner liebsten Beschäftigung, der Tischlerei, frönte er weiter in seiner Werkstatt im Keller, wo er unter anderem auch wunderschöne Intarsien machte.

Später avancierte er zum Straßenbahnfahrer. Die Fahrgäste mochten meinen Vater sehr. Er war ein unglaublich fröhlicher Mensch. Während der Fahrt unterhielt er immer den ganzen Waggon mit seinen Späßen. Manche Leute warteten deshalb an der Haltestelle immer auf die Straßenbahn meines Vaters und stiegen in die früher vorbeifahrenden Straßenbahnen erst gar nicht ein.

Mein Vater in der Uniform des Straßenbahnfahrers     So eine Straßenbahn fuhr er
Vater als Straßenbahnfahrer. Auf der Linie M fuhr nur ein Waggon (wie dieser der Linie E). Die
Besatzung bestand aus einem Schaffner und dem Straßenbahnfahrer, der stehend arbeitete.

So sieht die heutige Linzer Straßenbahn aus:

Linzer Straßenbahn

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Eine Todesahnung mitten im Leben?

Sehr oft denke ich an meinen Vater und meine letzte Begegnung mit ihm.

Es war im Jahr 1968. Vater genoß gerade zusammen mit Mutter die ersten Jahre seiner Pensionierung. Die beiden reisten mit ihrem kleinen Auto samt Zelt oft wochenlang durch den Südosten Europas.

Ich lebte zu dieser Zeit in Wien, wo ich als Journalistin bei einer Wiener Tageszeitung arbeitete. Selten fuhr ich nach Linz nach Hause und selten telefonierte ich mit meinen Eltern. Es gab zu viel Hektik in meinem Beruf. Aber ich kam dann und wann immer wieder gerne für ein Wochenende heim.

An einem dieser heimatlichen Wochenenden im März 1968 sagte ich zu meinen Vater: »Ich hab überhaupt kein Foto von dir in Wien. Gib mir doch das, was du hier an der Wand hängen hast. Das finde ich so schön.« Es war das Foto, das du oben siehst.

Nach kurzem Zögern nahm er es sichtlich schweren Herzens von der Wand. Es war sein Lieblingsfoto. »Da hast es. Ich kann es mir eh nicht mit ins Grab nehmen.« Ich freute mich. Aber ich antwortete: »Sag doch so etwas nicht.« Er war ein sportlich durchtrainierter Mann, der sich gerade auf die Turn-Olympiade in Berlin vorbereitete. Es gab also keinen Grund, vom Tod oder vom Sterben zu reden. Ich kann mich nicht erinnern, dass Vater irgendwann einmal krank oder im Krankenhaus war.

Und noch eine Bitte hatte ich an ihn, den Tischler: »Ach, mach mir doch bitte vier Stockerl (Hocker) für meine Bude in Wien«. Er habe im Moment keine Zeit, sagte er, weil er unserer Tante Hilda, der Witwe seines Bruders, Onkel Georg, in Mattighofen beim Renovieren alter Bauernschränke helfen wollte. Nachher würde er die vier Hocker für mich zusammentischlern. »Ich kann ja warten«, antwortete ich.

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Der Vater ist im Krankenhaus

Am Abend des 23. März 1968 rief ich zu Hause an. Keine Ahnung, warum gerade an diesem Abend. Mutter war am Telefon. »Vater ist im Krankenhaus«, sagte sie, "es geht ihm nicht gut". Er hatte am Nachmittag unserer Tante Hilda beim Aufladen eines alten Bauernschrankes auf das Auto geholfen, dabei war ihm plötzlich übel geworden. Man hatte ihn mit furchtbaren Schmerzen in der Brust in das nahegelegene Krankenhaus in Ried im Innkreis gebracht. Sein Pech: Es war ein Samstag Nachmittag. Keine gute Zeit für die Aufnahme in einem Krankenhaus. Da sind die meisten Ärzte im wohlverdienten Wochenende und wollen ihre Ruhe haben.

Meine Mutter und meine Geschwister fuhren gleich nach Ried, mehr als eine Autostunde von Linz entfernt. Meine Schwester erzählte mir später, Vater habe sehr bleich und sehr schlecht ausgesehen. Mutter erzähllte, dass er bereits Blut erbrochen hatte. Sie machtern sich große Sorgen. Doch Vater war hoffnungsvoll, dass es ihm bald wieder besser gehen würde. Freute er sich doch so sehr auf die Turn-Olympiade in Berlin.

Es war inzwischen Samstag Abend und außer dass Vater ein Bett bekommen hatte, tat man nichts weiter für ihn. Er litt unter großen Schmerzen, er bekam von der Schwester Medikamente gegen den Schmerz. Aber wo blieb der Arzt? Warum kümmerte sich seit dem Nachmittag keiner um ihn? Warum half ihm keiner? Warum wurde er nicht gleich untersucht und geröntgt? Warum ließen sie ihn einfach liegen? Warum ließen sie ihn so leiden? Ohne sofortige ärztliche Hilfe war er zum Sterben verurteilt.

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Hätte ich doch etwas für ihn tun können...

Es war schon spät, aber ich rief sofort im Krankenhaus in Ried an und erkundigte mich nach dem Befinden meines Vaters. Es gehe ihm nicht gut, sagte mir eine Krankenschwester. Ach, hätte ich doch dort sein können, etwas für ihn tun können, nach einem Arzt schreien, der ihn endlich untersucht und vielleicht gleich operiert! Ach, hätte ich doch an seinem Bett sitzen und mit ihm reden können! Seine Hand halten und ihn streicheln und einfach nur bei ihm sein können!

Nach so vielen Jahren breche ich beim Gedanken an den elenden Tod meines Vaters in Tränen aus.

An diesem späten Abend gab es keinen Zug mehr von Wien nach Linz, und Auto hatte ich keines, ich konnte erst nächsten Tag in der Früh fahren. Am Hauptbahnhof in Linz angekommen, überlegte ich, ob ich Blumen für Vater kaufen sollte. Aber ich wußte, er würde gleich sagen: »Was gibst du denn Geld für Blumen aus?«. Blumen zu kaufen, das war in seinen Augen reine Verschwendung. Er war sein ganzes Leben lang sparsam. Also ließ ich es lieber sein.

Ich rief vom Bahnhof aus daheim an und sagte, dass ich nun angekommen sei, und ob sie mich mit dem Auto abholen würden. Mutter war am Telefon.

»Der Vater ist tot«, sagte sie nur ganz kurz.

Fassungslosigkeit und Verzweiflung überkamen mich. Die ganze Welt versank um mich herum. Ein schwarzes Loch tat sich auf und ich hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Ich ging fast blind vor Tränen an den Menschen im Bahnhof vorbei und fuhr mit der Straßenbahn und mit dem Bus nach Hause.

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Er hatte einen Aortariß und keiner kümmerte sich um ihn

Ich wollte meinen Vater unbedingt noch einmal sehen. Ich mußte ihn sehen und mich von ihm verabschieden! Wir fuhren nach Ried ins Krankenhaus. Dort empfing uns ein junger Arzt. Er sagte, der Patient hätte einen Riß in der Aorta gehabt und als man ihn heute um 10 Uhr Vormittag zum Röntgen bringen wollte, hätte er einen »Schub« erlitten und sei gestorben.

Das heißt, er ist einfach innerlich verblutet. Mehr als 12 Stunden lang ist er hilflos verblutet. Mehr als 12 Stunden lang strömte sein Blut aus dem Riß der Aorta unaufhörlich in seinen Bauchraum. Und man ließ ihn einfach so liegen und man ließ ihn einfach verbluten und man ließ ihn einfach sterben.

Warum hatte man ihn seit gestern Nachmittag nur mit Schmerzmitteln vollgepumpt und nicht gleich genau untersucht und operiert? Vielleicht wäre er zu retten gewesen? Und wenn nicht, dann hätten sie es zumindest versucht. War es Vaters Pech, dass er gerade an einem Samstag Nachmittag ins Krankenhaus gebracht worden ist und die Ärzte das Wochenende genießen wollten?

Der junge Arzt hatte Wochenend-Dienst. Er fand keinerlei tröstende Worte für uns und schaute uns eher teilnahmslos an. »Ich will jetzt sofort meinen Vater sehen«, sagte ich heftig zu ihm.

»Das geht nicht, weil er schon in der Prosektur ist«, antwortete er nüchtern, als würde er von einem Gegenstand sprechen. Sie hatten meinen toten Vater einfach weggeräumt. Sie hatten meinen toten Vater nicht etwa in einem kleinen Zimmer aufgebahrt, damit wir von ihm Abschied nehmen konnten. Sie hatten ihn entfernt, entsorgt, und damit war für sie das Kapitel erledigt.

Ich schrie den Arzt an: »Ich will meinen Vater sehen! Wenn das Ihr Vater wäre, würden Sie das auch wollen! Ich will mich von ihm verabschieden!« Er sagte nur immer wieder: »Das geht nicht«.

Ich durfte meinen toten Vater nicht mehr sehen! Ich konnte mich nicht mehr von ihm verabschieden! Noch heute bin ich voller Wut über diese unglaubliche Ignoranz von Menschlichkeit, dass ich schreien möchte...

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Nur die Erinnerung bleibt mir

Meinen Vater habe ich noch so in Erinnerung, wie er mir das Bild von der Wand reicht mit den Worten: »Da hast es. Ich kann es mir eh nicht mit ins Grab nehmen.«

So viele Jahre später kommen mir noch immer die Tränen, wenn ich an meinen Vater denke und an diese seltsamen Worte, die für mich damals seine letzten waren, ohne es zu wissen. Ich hätte noch so viel mit ihm reden wollen, ich hätte ihn noch so viel fragen wollen. Ich hatte ja gerade erst angefangen, als Erwachsene mit ihm kommunizieren zu können, ich war nicht mehr das Kind, das manchmal Angst vor ihm gehabt hatte.

Ahnte er damals im Innersten seines Herzens, dass er bald sterben würde?

10 Tage nach seinem Tod, am 3. Mai 1968, hätte er seinen 65. Geburtstag gefeiert.

Zu seinem Begräbnis kamen unglaublich viele Menschen. Die Musikkapelle der Straßenbahn-Gesellschaft spielte und es wurden Reden gehalten. Die große Zuneigung dieser vielen Menschen zu meinem Vater, die ich da spürte, hüllte mich ein. Es war wie ein tröstliche Umarmung in der ungeheuren Trauer.


Diese Hocker machte mein Vater nochAls wir damals vom Krankenhaus, in dem Vater gestorben war, nach Hause kamen, sagte meine Mutter: »Deine vier Stockerl hat der Vater noch gemacht. Sie stehen in der Werkstatt im Keller.« Ich mußte wieder heftig weinen. Er hatte sich noch die Zeit genommen, als hätte er geahnt, dass er später keine mehr haben würde. Diese vier Hocker habe ich heute noch und bewahre sie wie einen kostbaren Schatz.



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