Titel

...:::: DAS STERBEN MEINER FREUNDIN CHRISTINE ::::...

...und warum das Schicksal die Wohnung des Arztes ausbrennen ließ

Meine Freundin Christine war 36 Jahre alt, als sie an Krebs starb. Es hatte fünf Jahre zuvor mit Brustkrebs begonnen und zuletzt hatten sich die Metastasen im ganzen Körper und im Kopf ausgebreitet. Ihr Sterben war von seltsamen, schier wundersamen Ereignissen begleitet. Nicht nur deswegen schreibe ich hier darüber, was mich bis ans Ende meines eigenen Lebens bewegt und erstaunt. Ich will auch anderen Menschen - vielleicht dir? - Mut machen, Sterbenden beizustehen. Du brauchst dazu keine medizinischen Kenntnisse. Du kannst gar nichts falsch machen, wenn du es in völliger Hingabe tust, in reiner Liebe. Informationen zur Sterbebegleitung sind aber dennoch hilfreich. Ich wünschte, ich hätte damals ein wenig mehr darüber gewußt, was alles zu tun ist, um meiner sterbenden Freundin auf dem Weg in die andere Welt am besten beistehen zu können. Aber ich weiß, es war richtig wie ich es tat.

 

Eine glückliche kleine Familie

Zu meinen Bekannten und Freunden in jener Siedlung, in der ich damals wohnte, gehörten Christine und ihr Mann Wolfgang, die vis-à-vis zu Hause waren. Ich hatte eine zweistöckige Maisonette mit Dachterrasse. Auch Christine und Wolfgang wohnten ganz oben, und wenn sie auf ihrer Dachterrasse waren, winkten wir uns zu oder riefen hallo.

Christine war eine fröhliche junge Frau. Sie strahlte viel Wärme und Liebe aus. Sie und ihr Mann waren mit ihrer Tochter Barbara eine glückliche kleine Familie.

Christine hatte Brustkrebs. Sie war bereits operiert worden, aber sie musste immer wieder einmal zur Chemo-Therapie ins Krankenhaus. Christine und ich redeten viel über ihre Krankheit und über ihre Ängste. Später, im Endstadium, konnte Christine mit mir auch über ihr Sterben und ihren Tod reden, weniger mit ihrem Mann, nicht mit ihren Eltern. Für diese war Sterben und Tod tabu. »Es wird schon wieder«, das war für Christine das Schlimmste, was jemand zu ihr sagte, vertraute sie mir an.

Eines Tages - im Frühjahr 1984 - sagte Christine zu mir: »Wenn es zum Sterben wird, möchte ich nicht ins Krankenhaus, denn da habe ich die Toilette nicht für mich allein und überhaupt...« Daraufhin sagte ich ohne lange nachzudenken: »Du gehst zum Sterben überhaupt nicht in ein Krankenhaus, du bleibst daheim und ich pflege dich und wenn der Wolfgang das nicht aushält, kommst du zu mir herüber.«

Ich machte mir weiter keine Gedanken darüber. Ich wusste auch gar nicht, ob da etwas zum Vorbereiten ist, was da alles zu organisieren ist. Es war gesagt und so wollte ich es auch tun. Und das Sterben war ja bisher nur ein Wort, war für mich noch gar nicht greifbar, fühlbar, nur Christine wußte es genau.

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Etwas Schlimmes ist passiert

Eines Tages ereignete sich ein Unglück mit ganz seltsamen Begleiterscheinungen (zu dem ich auch Wundersames sagen könnte):

In meinem Haus wohnte Ricki mit ihren Kindern und ihrem Mann. Sie lebten sehr naturverbunden und ließen sich und die Kinder nach der homöopathischen Methode behandeln, wenn jemand krank war. Die Kinder besuchten den Waldorf-Kindergarten und die Waldorf-Schule.

Kurz vor Pfingsten 1984 übersiedelte ein homöopathisches Arztehepaar, das befreundet war mit Ricki, von Waidhofen an der Ybbs nach Linz, wo sie eine neue Praxis eröffneten. Ich hatte das Arztehepaar - Hermann und Anna - zuvor auch schon kennen gelernt durch Ricki.

Zu Pfingsten läutete es an meiner Tür. Ricki stand draußen und erzählte unter Tränen, dass dem Hermann und der Anna die Wohnung ausgebrannt sei, die sie zuvor wochenlang und mühevoll mit Hilfe von vielen Freunden renoviert und eingerichtet hatten.

»Jetzt wissen sie nicht, wohin...«, sagte Ricki. Sie selbst hatte ja keinen Platz für die beiden. Darauf ich: »Sie können ja bei mir wohnen, solange ihre Wohnung nicht wieder beziehbar ist, sie können mein Schlafzimmer, das Bad und die Toilette für sich allein haben, ich schlafe im Sommer sowieso immer oben«, wo ich auch noch ein Badezimmer mit Dusche hatte.

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Hermann und Anna ziehen bei mir ein

So zogen Hermann, der Arzt, und seine Frau Anna, sozusagen seine Assistentin, bei mir ein. Was das Schicksal so mit Menschen anstellt! Da mußte den beiden die frisch renovierte Wohnung ausbrennen, weil das Schicksal noch etwas Wichtiges mit ihnen vorhatte? Das sollte sich ein halbes Jahr später herausstellen.

Es wurde Sommer. Hermann und Anna wohnten immer noch bei mir.

Christine machte unterdessen noch einmal Urlaub mit ihrem Mann, sie war aber schon so schwach, dass sie die meiste Zeit im Liegestuhl verbrachte. Zu mir hatte sie zuvor gesagt: »Jetzt fahr ich mit Wolf noch einmal auf Urlaub und dann will ich nicht mehr.«

Als Hermann und Anna eines Tages sagten, sie möchten mir was dazuzahlen zu den Betriebskosten, lehnte ich ab. Ich bat sie aber, stattdessen in der Früh, bevor sie in die Ordination fuhren, bei Christine drüben vorbeizuschauen, der es mittlerweile so schlecht ging, dass sie gar nicht mehr aus dem Haus kam.

Wolfgang hatte noch Urlaub und war daheim. Er pflegte Christine so gut er konnte. Eines Tages, als sein Urlaub vorüber war und er wieder ins Büro musste, sagte er zu mir, dass er mein Angebot an Christine, sie zu pflegen, damit sie zu Hause bleiben könne, gern annehmen möchte, und gab mir eine Liste mit Namen und Adressen von Christines Freundinnen.

Also organisierte ich mit diesen Frauen einen genauen Tagesablauf, so dass Christine keine Minute alleine sein musste, bis am Abend Wolfgang von der Arbeit heimkam. Zu jeder Stunde war eine Freundin bei Christine. In der Früh um 7 Uhr begann die Anna, Hermanns Frau, die ihr eine Misteltherapie spritzte, um 8 Uhr war dann ich eine Stunde lang bei Christine und bis 17 Uhr jeweils eine Stunde lang eine andere Freundin. Mittags brachte eine von ihnen etwas zu essen mit für Christine. Es war wirklich gut gesorgt für sie.


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»Hoffentlich kann die Mama bald sterben«

Ich ging auch jeden Abend nach der Arbeit immer hinüber zu Christine und Wolfgang und blieb oft bis nach Mitternacht. Ich kochte Tee für Christine, las ihr was vor oder erzählte von meinem Tag. Es war so wenig zu tun. Alles, was sie brauchte, war Zuwendung, Zuneigung, Zuhören.

Unterdessen hatte auch Barbara, die inzwischen 16 Jahre alt war, realisiert, dass ihre Mutti nicht mehr lange leben würde. Vor allem, als Christine eines Abends plötzlich und unerwartet in ein kurzes Koma fiel. Barbara lief in ihr Zimmer gleich neben dem Schlafzimmer der Eltern und weinte herzzerreißend. Ich ging zu ihr und nahm sie in die Arme. Da sagte sie: »Hoffentlich kann die Mama bald sterben«. Und ich sagte: »Jetzt kann sie es, weil du sie loslässt.«

Von da an war Barbara*) die umsichtigste Pflegerin ihrer Mutter. Christines Eltern waren dagegen wie versteinert. Vor allem ihre Mutter weinte nur. Auch Wolfgang bemühte sich sehr, aber er fühlte sich hilflos und verzweifelt angesichts des Sterbens seiner Frau.

Am nächsten Tag war Christine wieder ganz da und ganz wach.

Ich sagte zu ihr: »Was war das gestern Abend? Du kannst doch jetzt nicht einfach so abhauen. Am 4. Oktober ist doch Wolfgangs Geburtstag!«

Da lachte sie und sagte: »Sterben tu ich, wann ich will...« Sie erzählte mir dann, dass es ihr im Koma so vorgekommen sei, als würde sie träumen, dass sie jedoch alles gehört hatte, was wir sagten. Sie konnte sich aber nicht äußern, sie konnte sich nicht bemerkbar machen. Auch dass Barbara weinte, hatte sie gehört. Und das erste, was sie nach dem Erwachen aus dem Koma sagte, war: »Was hat denn Barbara? Warum weint sie denn so?«

In »meiner Morgenstunde« bei Christine redeten und lachten wir viel miteinander. Ja, du hast richtig gelesen: wir lachten. Ich spielte ihre Lieblingsmusik auf dem CD-Player. Wir schauten Foto-Alben an und wir sortierten Fotos ihrer Keramik-Arbeiten. Ich massierte ihre Beine und lackierte ihre Fußnägel, weil es Christine plötzlich eingefallen war, daß sie lackierte Fußnägel wollte. Sie hatte sehr schöne Beine und ganz süße Zehen. »Soll ich auch deine Fingernägel lackieren?« fragte ich dann. Nein, die habe sie auch früher nie lackiert.


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...und dann lachten wir


Einmal sagte sie: »Die Fenster sind so dreckig, aber ich bin nicht mehr zum Putzen gekommen«. Ich darauf: »Hör auf zu jammern, ich putz sie eh gleich«. Und ich ging und holte Putzlappen und Fensterputzmittel und putzte ihre Fenster im Schlafzimmer und dann lachten wir. Das klingt vielleicht seltsam angesichts des Todes. Aber Christine war einfach glücklich, daheim sein zu können.

Inzwischen wuchsen ihre Haare wieder, die nach der Chemotherapie völlig ausgefallen waren. Christine bekam sogar wieder Löckchen. »Greif einmal meinen Kopf an«, sagte sie einmal. »Spürst du die Beulen?«. Der Krebs hatte sich schon in ihrem Schädel ausgebreitet und die Metastasen drückten große Beulen aus den Schädelknochen heraus.

Wie arg mussten wohl ihre Schmerzen sein! Aber Christine jammerte nie. Schmerztabletten und -zäpfchen halfen nicht mehr, zuletzt musste schon Morphin gespritzt werden.

Hermann und Anna kümmerten sich während der vielen Wochen rührend um Christine. Wenn sich Christines Bauch aufgebläht hatte, weil sich darin so viel Wasser angesammelt hatte, dass sie wie eine Hochschwangere aussah, leitete Hermann das Wasser aus ihrem Bauch ab, was viele Stunden dauerte...

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Christine liegt im Koma und hat Durst

Als Christine schon im Koma lag, sah ich eines Abends, dass sie ganz spröde Lippen hatte. Sie röchelte leise und litt sichtlich unter großem Durst. Ihre Eltern saßen verzweifelt im Wohnzimmer. Ich holte Tee aus der Küche. Als ich damit zu Christine in das Schlafzimmer hinuntergehen wollte, kam ihr Vater her und schlug mir zornig fast die Tasse aus der Hand. Er sagte sehr laut: »Jetzt lassen Sie sie endlich in Ruhe!« Ich bin Christines Vater aber nicht böse. Seine einzige Tochter lag im Sterben und mich empfand er in diesen Tagen als jemanden, der ihn in diesen furchtbaren Stunden durch seine Anwesenheit störte.

Dennoch ging ich mit dem Tee hinunter ins Schlafzimmer. Mit einem Strohhalm saugte ich etwas Tee auf, drückte oben zu, damit der Tee unten nicht ausrinnen könnte und hielt den Strohhalm dann an Christines Lippen. Behutsam und tropfenweise ließ ich den Tee in ihren Mund fließen. Als sie die Flüssigkeit auf ihren Lippen fühlte, trank und schluckte Christine ganz gierig, was mich sehr erstaunte, denn sie lag doch schon im Koma...

Einmal kam ich am Abend hinüber und hörte Christine laut schreien, trotz Koma. Sie bekam gerade das Morphin gespritzt. Wolfgang war ganz verzweifelt. Ich nahm Christines Hand, streichelte ihr Gesicht und redete mit ihr. »Gleich ist es vorbei, Christine, das ist ja gegen deine Schmerzen.« Und sie hörte sofort auf zu schreien. Mir wurde klar: Christine war noch da. Sie hörte und fühlte. Wie wichtig war es doch, mit ihr zu reden. Keiner ihrer Angehörigen tat es. Nur Barbara und ich.


Barbara will eine Locke ihrer Mutter

Barbara und ich sperrten uns an einem der letzten Abende vor Christines Tod im Schlafzimmer bei Christine ein. Wir spielten ihr auf einer kleinen Leier vor, redeten mit ihr und streichelten ihre Hand.
»Ich möchte so gern eine Locke von der Mama zum Andenken«, seufzte Barbara.
»Hol eine Schere«, sagte ich.

Dann fragte ich Christine: »Ist es dir recht, wenn ich eine Locke abschneide für Barbara?« Ich schnitt zwei Locken ab: eine für Barbara und eine für Christines Mutter.

Es war schon Herbst. Aber Hermann und Anna wohnten immer noch bei mir. Erst hatten die Versicherungen so lange mit der finanziellen Abdeckung des Schadensfalles gezögert und dann nahm die Renovierung der zum Teil ausgebrannten Wohnung endlos viel Zeit in Anspruch.

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Ist das nicht "wundersam"?


Zu Pfingsten brennt Hermann und Anna unglücklicherweise die neue Wohnung aus. Sie wohnen ganze vier Monate lang bei mir. Sie können ja nicht in ihre ausgebrannte Wohnung.

Warum vier Monate? Warum nicht drei Monate oder zwei oder fünf?

Vier Monate lang kümmern sich Hermann und Anna jeden Tag liebevoll um Christine, bevor sie in ihre Ordination fahren. Zumindest Anna ist fast jeden Tag in der Früh drüben bei Christine.

Es wird Herbst. Hermann und Anna können immer noch nicht in ihre Wohnung einziehen.

Das Schicksal hat alles ganz genau geplant: Hermann und Anna wohnen auf den Tag genau so lange bei mir, solange Christine ärztlichen Beistand braucht. Und ohne deren Hilfe wäre es uns nicht möglich, Christine zu Hause zu pflegen. Das wird mir bald bewusst.

Erst am 23. September 1984 können Hermann und Anna wieder in ihre inzwischen renovierte Wohnung einziehen. Warum nicht früher? Oder später? Weil das Schicksal sie nun nicht mehr braucht?

Denn am nächsten Tag, am 24. September 1984, stirbt Christine.

Eine höhere Macht hatte hier ihre Hand im Spiel. Und auch wenn ich heute darüber nachdenke, ist es mir immer noch rätselhaft, was sich da ereignet hat. Es ist einfach wundersam.


*) Barbara studiert später Medizin und ist jetzt Ärztin.


Te Deum mit Brucknerchor Ich sang damals im Brucknerchor. Kurz nach Christines Tod führten wir das deutsche Brahms-Requiem auf. Ich sang nur für Christine und für Barbara, die dem Konzert beiwohnte und dieses Foto machte. An manchen Stellen des Requiems mußte ich immer wieder gegen Tränen ankämpfen (ich stehe vorne ganz rechts).


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